Du findest sie in einer Schuhschachtel hinten im Schrank, den deine Eltern seit fünfzehn Jahren nicht mehr geöffnet haben. Kassetten, beschriftet in der Handschrift deines Vaters, die Tinte etwas verblasst. Die meisten davon sind Mixtapes, die er für die langen Autofahrten in den späten Achtzigern aufgenommen hat: Songs, die er zwischen den Werbeblöcken aus dem Radio mitgeschnitten hat, vielleicht von der SWF3-Hitparade an einem Dienstagabend 1984, vielleicht aus der Bayern-3-Sendung an einem Sonntag.
Ein paar Kassetten stechen heraus: "Onkel Peters Band, Keller, Juni 1984", "Susannes Hochzeit", oder unbeschriftete, bei denen du raten musst, was drauf ist, und Shazam dir nicht hilft. Dazwischen liegt eine BASF-Cassette mit der Aufschrift "Bravo Hits Sommer 92, eigene Auswahl", die jemand vor langer Zeit liebevoll zusammengestellt hat.
Du merkst: Diese Bänder sind einmalig. Genau dieser Moment ist meistens der Auslöser für jedes Digitalisierungsprojekt.
Was die Formate tun, während du wartest
Eines vorweg: Alte Medien und auch moderne Speichertechnik haben ein Haltbarkeitsdatum, selbst wenn sie ungenutzt herumliegen, und selbst wenn sie ewig zu halten scheinen.
Bei Kassetten speichert eine dünne Schicht aus Eisenoxid oder Chromdioxid auf dem Magnetband die Information als magnetisches Feld. Diese Schicht zerfällt, wenn der Tonkopf falsch justiert ist oder das Band warm und feucht gelagert wird. Im schlimmsten Fall sind Kassetten schon nach zehn Jahren nicht mehr abspielbar. Das gilt übrigens auch für die Orwo-Bänder, die in vielen Haushalten mit DDR-Wurzeln noch herumliegen, oft mit Mitschnitten von DT64 darauf.
Vinyl ist gnädiger. Eine saubere Platte, stehend gelagert und vor Hitze geschützt, läuft auch in fünfzig Jahren noch. Vinyl ist eher anfällig für physische Schäden wie Kratzer, Verzug oder das Abspielen mit der falschen oder abgenutzten Nadel.
CDs sind zwar eine vergleichsweise junge Technologie, aber auch bei ihnen kann sich die Aluminiumschicht vom Polycarbonat lösen oder die Farbschicht abblättern. Etwas, das selbst ihre Fehlerkorrektur, die sonst gut mit Kratzern und beschädigten Daten umgeht, in solchen Fällen nicht mehr retten kann.
MiniDiscs stehen am schlechtesten da. Die Discs selbst sind meistens noch in Ordnung. Aber die Geräte sterben aus und werden nicht ersetzt. ATRAC, das verlustbehaftete Kompressionsverfahren von Sony, wurde nie so offengelegt wie MP3, und deshalb braucht ein sauberer digitaler Export von einer MiniDisc spezielle Hardware, die heute kaum noch zu bekommen ist. Falls deine Schachtel MDs enthält, kümmere dich zuerst um sie.
Es gibt also tatsächlich Zeitdruck bei einem Teil davon. Kein Panikdruck. Aber die Kassetten, die seit 1991 im Keller liegen, lassen sich 2030 nicht leichter überspielen als 2026.
Die Hardware, nach Format
Du brauchst kein Studio. Du brauchst die richtige, dünne Auswahl an Geräten für das jeweilige Format in der Schachtel.
Bei Kassetten ist die günstigste brauchbare Lösung ein USB-Kassettendeck. Reshow verkauft Modelle für etwa 30 bis 60 Euro, die per USB an den Laptop angeschlossen werden und dort als Audioquelle auftauchen. In Ordnung für Bänder, die du nicht unbedingt sichern musst; nicht geeignet für die unersetzlichen.
Für Kassetten, die dir wichtig sind, nimm ein hochwertiges Kassettendeck zusammen mit einem USB-Audiointerface. Falls deine Eltern noch ein funktionierendes Dual, Grundig oder Telefunken-Deck im Wohnzimmerschrank stehen haben, ist das fast immer die bessere Quelle als ein neu gekauftes USB-Gerät: Line-out aus dem alten Deck in ein Scarlett, und du hast die saubereren Höhen. Für weniger wichtige Bänder reicht ein USB-Deck, auch wenn die Qualität niedriger ist.
Ein Focusrite Scarlett Solo oder 2i2 kostet neu rund 110 bis 200 Euro, das Solo am unteren Ende, das 2i2 am oberen, und ist der übliche Einstieg. Egal welches Deck du verwendest: Reinige die Tonköpfe vor dem ersten Band mit Isopropylalkohol und einem Wattestäbchen, und wiederhole das nach jeweils fünf bis sechs Bändern. Altes Bandmaterial reibt sich am Kopf ab, und der Klang wird dadurch zunehmend dumpfer, bis du den Kopf säuberst. Wenn du einen Entmagnetisierer hast, benutze ihn gelegentlich. Falls nicht, lass dir davon nicht den Schlaf rauben.
Bei Vinyl reicht ein einfacher USB-Plattenspieler mit eingebautem Vorverstärker für grundlegende Überspielungen. Für bessere Qualität nimm ein höherwertiges Laufwerk, das an einen separaten Vorverstärker und ein Audiointerface angeschlossen ist. Wenn du eine HiFi-Anlage hast, verbinde sie direkt mit deinem Interface.
Eine Stufe höher landest du bei einem Pro-Ject Debut Carbon (rund 400 Euro), einem separaten Phono-Vorverstärker und einem USB-Interface, was qualitativ einen spürbaren Sprung bedeutet. Wenn du bereits einen HiFi-Plattenspieler besitzt, etwa einen alten Dual, der in deutschen Wohnzimmern öfter steht als die meisten ahnen, leite seinen Tape-Out in ein Scarlett und spare dir den Rest.
Reinige Platten immer vor dem Abspielen. Eine Carbonfaserbürste ist das Minimum; bei sehr alten Platten hilft eine Nassreinigung. Schau dir die Nadel an, sonst riskierst du Schäden und schlechte Mitschnitte.
CDs sind unkompliziert: Jedes USB-CD-ROM-Laufwerk in Kombination mit zuverlässiger Software wie Exact Audio Copy (Windows) oder XLD (macOS) sorgt für genaue Rips, weil diese Programme auf Fehler prüfen und die Dateiintegrität verifizieren.
MiniDisc ist der harte Fall. Der Sony MZ-RH1, erschienen 2006, war der einzige MD-Player, den Sony je gebaut hat, der das originale digitale Audio per USB ausgeben konnte, ohne es erneut zu komprimieren. Gebrauchte MZ-RH1-Geräte werden für über 300 Euro gehandelt, wenn man überhaupt eines findet. Wenn nicht, bleibt nur die analoge Aufnahme in Echtzeit: Line-Out von einem funktionierenden MD-Player in ein USB-Audiointerface, und jede Disc auf dem langen Weg aufnehmen. Das ist langsam, und du bekommst nicht den originalen ATRAC-Stream, aber wenigstens etwas, das du sichern kannst.
Die Software
Audacity ist kostenlos, läuft auf jeder Plattform und kann alles, was die meisten Leute brauchen. Die Oberfläche sieht aus wie eine Linux-Anwendung von 2004, weil sie im Grunde genau das ist. Trotzdem die beste Gesamtlösung.
Reaper kostet rund 60 Euro für eine Personal License (abgerechnet in US-Dollar), und die Oberfläche ist angenehmer, falls du ernsthaft Zeit darin verbringst. Für die meisten Digitalisierungsarbeiten ist das übertrieben, aber das Geld wert, wenn du dich an Wochenenden in Wellenformen verlierst.
Spek ist ein kostenloser Spektrum-Analyzer. Zieh eine beliebige Audiodatei hinein, und er zeigt dir den Frequenzinhalt als Heatmap. Das ist der schnellste Weg, um zu erkennen, ob etwas heimlich heruntergesampelt wurde oder ob eine angeblich "verlustfreie" Datei in Wahrheit eine umgewandelte MP3 ist, bei der die Höhen bei 16 kHz abgeschnitten wurden. Nützlich, um die eigenen Mitschnitte zu prüfen und um Dateien unbekannter Herkunft auf Plausibilität zu testen.
MusicBrainz Picard ist das Arbeitstier für Metadaten. Es nutzt AcoustID, ein Open-Source-System zur akustischen Fingerprint-Erkennung, um Tracks anhand ihres Audioinhalts zu identifizieren und sie aus der MusicBrainz-Datenbank zu taggen. Funktioniert sowohl bei frischen Mitschnitten als auch bei mysteriösen Dateien, im Rahmen dessen, was die Datenbank hergibt.
Mp3tag unter Windows und Tag Editor unter macOS sind einfachere manuelle Tagger, falls du die Tracks bereits kennst und nur schnell Felder ausfüllen willst.
Der Ablauf, von Anfang bis Ende
Richte das Projekt einmal ein und nutze es für jede Kassette, jede Seite und jede Platte erneut. Die Einstellungen, auf die es ankommt:
Stell in deiner Aufnahmesoftware das Aufnahmeformat auf 24 Bit bei 48 kHz. Wenn du Vinyl digitalisierst und eine archivtaugliche Aufnahme willst, wähle 24 Bit bei 96 kHz. Für Kassetten reichen 48 kHz, weil die meisten Bänder ohnehin keine Informationen oberhalb von 20 kHz enthalten. Mit diesen Einstellungen holst du das Beste aus dem Ausgangsmaterial heraus.
Vor der Aufnahme passt du den Eingangspegel so an, dass die lautesten Stellen auf dem Eingangsmeter zwischen -6 dB und -3 dB liegen. Das verhindert Verzerrungen durch digitales Clipping. Lass oben etwas Platz, den sogenannten "Headroom", damit Lautstärkespitzen nicht über 0 dB schießen.
Bei Kassetten entmagnetisiere die Tonköpfe mit einem Entmagnetisierer, sofern du einen hast, denn das verbessert die Klarheit. Um die Azimut-Ausrichtung zu prüfen, spiele ein bekanntes Band mit hohen Frequenzen ab, etwa mit Becken, und höre auf Brillanz oder dumpfen Klang. Wirkt der Ton dumpf, ist der Kopf vermutlich verstellt. Spiele eine Bandseite komplett ohne Unterbrechung ab und lass die Aufnahme durchlaufen, damit nichts verloren geht.
Bei Vinyl reinige die Platte gründlich vor dem Abspielen. Setz die Nadel ganz am Anfang in der Einlaufrille, spiele die ganze Seite ohne Unterbrechung, und nimm sie als eine einzige Datei auf. Stoppe nicht mittendrin, sonst entstehen in der fertigen Datei unerwünschte Klicks.
Nachdem du das Audio in Audacity aufgenommen hast, schneide die Stille am Anfang und am Ende weg, lass aber ein paar Sekunden Raumgeräusch stehen, damit der Klang natürlich bleibt. Für die Rauschunterdrückung markierst du zuerst ein paar Sekunden Bandrauschen oder Stille, wählst in Audacity "Rauschprofil ermitteln" und wendest danach "Rauschverminderung" auf die ganze Aufnahme an. Halte die Einstellungen dezent und ziele auf eine Reduktion von 6 bis 9 dB, sonst klingt das Ergebnis muffig.
Bei Vinyl-Mitschnitten setze nach der Aufnahme eine Click-Removal-Funktion ein. In Audacity nutzt du dafür das eingebaute Werkzeug zur Klick-Entfernung für die Grundreinigung. Für anspruchsvollere Bearbeitung greif zu iZotope RX und seiner De-Click-Funktion, sofern verfügbar. Damit reduzierst du Plops und Knackser in der fertigen Datei.
Bei der Kassettendigitalisierung nimmst du Audacitys Noise-Reduction-Effekt, um das Rauschen zu mindern. Die Schritte sind dieselben wie oben: Rauschprobe auswählen, Rauschprofil ermitteln, dann das Werkzeug auf die gesamte Aufnahme anwenden.
Teile die langen Audiodateien mit Audacitys Funktion "Klang finden" oder "Klänge beschriften" in einzelne Tracks auf. Diese Funktion setzt automatisch Marken an stillen Stellen. Überprüfe und korrigiere die Marken, vor allem wenn Songs ineinander übergehen. Anschließend speicherst du jeden Track mit "Mehrere exportieren" als eigene Datei.
Normalisiere die Lautstärke jedes Tracks für gleichmäßige Wiedergabe mit Audacitys Normalize- oder Loudness-Normalization-Effekt. Für Musik, die du auf dem Handy oder in modernen Apps hörst, ziele auf eine durchschnittliche Lautheit von -14 LUFS. Für das Archiv normalisiere weniger oder lass diesen Schritt ganz weg, um die ursprüngliche Dynamik der Musik zu erhalten.
Wie du die Dateien speicherst
Speichere die Masterdateien als FLAC. Das Format ist verlustfrei, kleiner als WAV und unterstützt eingebettete Metadaten sauber.
Für den Alltag auf dem Handy oder auf Geräten, die mit FLAC nichts anfangen können, wandle die FLAC-Dateien in MP3 mit 256 oder 320 kbps um. Wandle immer aus FLAC heraus, niemals aus einem anderen verlustbehafteten Format. Aus einer FLAC kannst du jederzeit eine kleinere MP3 machen. Aus einer MP3 lässt sich nichts mehr zurückgewinnen oder hochskalieren.
Anschließend kannst du das Ganze in zwei Ordner aufteilen. Den FLAC-Archivordner sicherst du an mindestens zwei Orten, etwa auf dem Laptop und einer externen Festplatte, oder zusätzlich in der Cloud. Und in einen Hörordner für MP3s, der mit der App synchronisiert ist, mit der du Musik abspielst.
Herausfinden, was auf den Bändern ist
Das ist der Teil, der immer länger dauert, als du denkst. Mixtapes sind selten gut beschriftet. Auf Seite B der Onkel-Peter-Kassette finden sich vielleicht drei Songs seiner Band, gefolgt von 20 Minuten Mitschnitt der SWF3-Hitparade von einem Dienstagabend 1984. Manche dieser Songs erkennst du sofort. Andere bleiben am Rand deines Gedächtnisses hängen und wollen sich einfach nicht scharfstellen lassen.
Ein paar Werkzeuge helfen. Die AcoustID-Erkennung in MusicBrainz Picard ist das Erste, was du probierst, weil sie direkt auf der Audiodatei arbeitet und gegen eine offene Datenbank abgleicht. Zieh eine frisch gerippte FLAC hinein, klick auf "Scan", und du bekommst Treffer für alles, was jemals gefingerprintet wurde. Picard kommt mit kurzen Clips passabel zurecht, und es ist kostenlos.
Für Dateien, die Picard nicht findet, kannst du Dateien bei Musik Erkennung hochladen, und der Dienst jagt sie durch die großen Datenbanken zur Musikerkennung. Ein nützlicher zweiter Durchgang für die FLAC einer rätselhaften Kassette, oder für jedes Format, in das du exportiert hast. Hat sich auch bei schwer hörbaren Songs oder qualitativ schwächeren Aufnahmen bewährt.
Die ehrliche Einschränkung: Es hängt davon ab, ob der Song in der Datenbank existiert, was bedeutet, dass die Erkennung bei kommerziellen Veröffentlichungen gut funktioniert, bei den wirklich seltenen Stücken auf dem Band aber überhaupt nicht. Onkel Peters Band ist leider in keiner Datenbank. Der Radiomitschnitt von 1984 ist es vermutlich schon.
Bei hartnäckigen Stellen kannst du das Audio über Lautsprecher abspielen und Shazam auf dem Handy mithören lassen. Manchmal erwischt Shazam Songs, die AcoustID übersieht. Wenn das alles nicht klappt, poste einen Clip in r/NameThatSong auf Reddit. Die Trefferquote dort ist erstaunlich gut für alles, was irgendeine kommerzielle Spur hinterlassen hat.
Wann du es lieber lassen solltest
Der Großteil der kommerziellen Musik der großen Labels von etwa 1965 bis 2010 ist in ordentlicher Qualität auf Streamingdiensten zu haben. Apple Music und Tidal streamen vieles davon verlustfrei. Verbringe also keinen Samstag damit, "4630 Bochum" von Grönemeyer von der LP zu digitalisieren, wenn du das Album jederzeit verlustfrei streamen kannst. Die Platte klingt vielleicht eine Spur anders, aber nicht so anders, dass es den Aufwand rechtfertigt, wenn das Ziel einfach ist, die Musik zu hören.
Der Aufwand lohnt sich für das, was es nicht auf Streamingdiensten gibt. Hausaufnahmen. Mixtapes von einer bestimmten Person aus einer bestimmten Zeit. Indie-Pressungen, die längst verschwunden sind. Regionale Veröffentlichungen, die nie einen Ozean überquert haben. Live-Bänder. Aufnahmen von Familienmitgliedern. Aufnahmen aus dem Schulchor, die in keinem Archiv stehen. Alles, was bedeutsam ist, weil es jemand gemacht oder dir geschenkt hat, und nicht, weil es das Werk an sich ist.
Bildnachweise
- Titelbild (CDs auf einem Tisch): Foto von Łukasz Mrowiec auf Unsplash
- Kassettenspieler: Foto von Hai Nguyen auf Unsplash
- Plattenspieler: Foto von MJ auf Unsplash
- CD auf Ständer: Foto von Lucky Alamanda auf Unsplash
- MiniDisc-Recorder: Foto von Bodega auf Unsplash
- Kopfhörer und Monitor: Foto von Godfrey Nyangechi auf Unsplash